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Der folgende Bericht ist im Dorf-, Torf- und Schulmuseum Protzen ausgestellt. Prinz Heinrich, der Lieblingsneffe Friedrichs des Großen, starb 1767 im Gutshaus Protzen. Der Bericht wurde zur Verfügung gestellt von Frau Elke Wildt, INSEL-Verein, Protzen. Es handelt sich um Auszüge eines Artikels von Dörte Schmeissner vom 10./11.02.2001 im Ruppiner Anzeiger.

Friedrich der Große: Gedächtnisrede für Prinz Heinrich den Jüngeren

Prinz Heinrich

 

Lieblingsneffe Friedrich des Großen

Von Dörte Schmeissner (Auszüge)

 

 

 

Als Friedrich II. auf einer Inspektionsreise am 23. Juli 1779 hier mit der Postkutsche ankam, wartete schon der alte General von Ziethen zur Begrüßung auf ihn. Die beiden haben gemeinsam in allen friederizianischen Kriegen gekämpft. Nun wollte der 80-jährige General seinen König noch einmal sehen; vielleicht wollte er ihn aber auch ein bisschen aufmuntern, denn er wusste, dass gerade dieser Ort für den König mit traurigen Erinnerungen verbunden war, denn am 26. Mai 1767 ist Prinz Heinrich hier gestorben, dieser war der Lieblingsneffe des Königs.

Dazu schrieb der König kurz vor seinem Tode: “Ich habe die Macht besessen  und das Jahrhundert mit meinem Namen gefüllt, ich habe Preußen vergrößert und es fürchterlich gemacht. Die Thronfolge ist gesichert, doch ich habe von allen meinen Neffen, Großneffen und anderen Verwandten nur einen geliebt, nämlich Prinz Heinrich, den zweiten Sohn meines Bruders August Wilhelm, ein Jüngling, dem ich wie meinem eigenen Kind nachtrauerte.

 

Wer war Prinz Heinrich?

Er hatte wohl einfach nur Glück, der Zweitgeborene zu sein und damit unbeschwerter als sein älterer Bruder Kronprinz Friedrich Wilhelm aufwachsen zu können. Für den König Friedrich II. stand es von vornherein fest, dass er nie Kinder haben würde. Also bestimmte er gleich nach seinem Regierungsantritt seinen nächst jüngeren Bruder August Wilhelm zu seinem Nachfolger und schenkte ihm das Schloss Oranienburg und das Kronprinzenpalais „Unter den Linden“. Dort wurde Heinrich am 30. Dezember 1747 als

 

Carl Friedrich Heinrich Prinz von Preußen

 

 geboren.

 

Friedrich II., der sich wie alle Jahre im Stadtschloss aufhielt, schickte tags darauf an alle europäischen Herrenhäuser die Geburtsanzeige seines zweiten „neveu“, so als ob er selbst der Vater des Kindes gewesen wäre. Der König legte Wert darauf, mehrere Nachfolger zu haben, da auch in den Königshäusern die Kinder häufig noch im Kindesalter starben. Während Friedrich Wilhelm bereits im Alter von 3 Jahren zum König übersiedeln musste, verlief Heinrichs Kindheit unbeschwert. Im Winter lebte er im Kronprinzenpalais und im Sommer im Schloss Oranienburg. Aber auch Heinrich wurde wie sein älterer Bruder frühzeitig auf königliche Verantwortung vorbereitet, umfassend ausgebildet und militärisch geschult. Er lernte jedoch leichter als sein Bruder.

Als Heinrich 10 Jahre alt war, gab es den ersten Einschnitt in seinem Leben. Der siebenjährige Krieg hatte begonnen und im Oktober 1757 besetzten die Österreicher Berlin. Mit Ausnahme des Königs und seine am Krieg beteiligten Brüder verließ die gesamte Königliche Familie samt Hofstaat Berlin, erst nach Spandau und dann nach Magdeburg, dort blieben sie bis Ende 1762. In diese Zeit fiel die unehrenhafte Entlassung und der Tod des Vaters August Wilhelm. Nach dem Tod des Vaters besuchten die beiden Brüder im Dezember 1758 den König in dessen Winterquartier in Torgau. Der König schrieb über diesen Besuch: „Ich fand den Älteren zu seinem Vorteil verändert und den Jüngeren ganz reizend..“ Bei diesem Besuch wurde der damals 11-jährige Prinz Heinrich zum Kommandeur des Kyritzer Kürassierregiments, den berühmten „Gelben Reitern“ ernannt. Nach Ende des Krieges wohnte Heinrich ebenfalls beim König, aber im Gegensatz zu diesem vertrug sich Heinrich ganz ausgezeichnet mit dem König: sie aßen täglich zusammen und führten politische Gespräche uns philosophische Diskurse. Ab 1764 begleitete er den König bei den regelmäßigen Heeresinspektionen und ab 1766 ließ sich Heinrich von seinem Vertreter in Kyritz wöchentliche Rapporte über alle Vorkommnisse im Kyritzer Regiment schicken. Erstmals lernte er sein Regiment im September 1766 kennen, als dieses nach Potsdam zu einem Manöver kam. Dieses Treffen hinterließ einen so starken Eindruck auf Heinrich, dass er beschloss, nach Kyritz zu übersiedeln. Sicher waren die Zerwürfnisse zwischen dem König und seinem älteren Bruder auch mit ein Anstoß. Er hoffte, dort dem Klatsch und Tratsch zu entfliehen, so wie es der königliche Onkel in Rheinsberg tat.

 

 Das Kyritzer Kommandantenhaus ließ Heinrich mit Möbeln aus dem Schloss Oranienburg ausstatten und zog dann am 1. April 1767 dort ein. Tags darauf schrieb er in einem Brief an einen Freund: „Das schöne Leben, das man jetzt in Potsdam führt, lässt mich dem Himmel danken, dass ich hier bin; wenigstens bin ich nicht geniert und ich kann tun, was ich will.“. In einem weiteren Brief an seine Schwester Wilhelmine schreibt er: „Ich finde mich hier wie aus allen Wolken gefallen an einem Ort, wo ich Zeit meines Lebens noch nie gewesen bin und wo ich keine Menschenseele außer Blumenthal kenne und auch von meine Offizieren weiß ich bisher kaum die Namen.“  Am 2. Mai schreibt er wieder seiner Schwester: „Einen Monat bin ich jetzt hier, aber ich kann kaum sagen, dass ich mich gelangweilt hätte. Ich exerziere jeden Morgen und nach Tisch eine weitere Stunde.“ Am 7. Mai erhält er dann die Nachricht von seinem Bruder über die Geburt der Tochter Friederike, am 11. Mai bittet ihn Friedrich Wilhelm dann, die Patenschaft zu übernehmen. Die Brüder korrespondieren in französischer Sprache, mit dem König hingegen schrieb er sich in deutscher Sprache und immer mit der Anrede: „Freundlich geliebter „neuveu“.

Heinrich will sein Regiment bei der Frühjahrsrevue (Herreninspektion) in Berlin dem Onkel vorführen und freut sich auf die Taufe und auf das Wiedersehen mit seinem Bruder. Doch als er dann am 16. Mai mit seinem Regiment aufbrechen will, hat er starkes Fieber. Trotzdem bricht das Regiment früh auf, Heinrich und seine Leibkompanie einige Stunden später. In den Wirtshäusern von Protzen wollte das Regiment übernachten. Aber hier in Protzen ist Heinrich so erschöpft, dass er nicht weiterreisen kann. Er logiert im Haus der Witwe des Generalleutnants von Kleist und dann entwickelte sich jede Mange Aktivität in unserem Dorfe. Heinrichs persönlicher Adjutant Blumenthal lässt Doktor Feldmann aus Neuruppin kommen; dieser diagnostiziert dann die Pocken. Daraufhin schickte Blumenthal noch am selben Morgen eine Eilstafette nach Berlin, um den Bruder zu unterrichten und eine weitere zum König, der sich im pommerschen Stargard aufhält. Blumenthal schreibt: „Ich muss seiner königlichen Majestät untertänigst melden, dass seine königliche Hoheit, der Prinz Heinrich den Freitagnachmittag ein Reißen in den Gliedern bekommen haben und des Nachts darauf ein Fieber, das es aber nur den Ansehen eines Flussfiebers hatte; so haben seine königliche Majestät gestern, des Sonnabends, dero Regiment im Wagen gefolgt. Bei dero Ankunft  in Protzen musste höchstdieselbe, da das Fieber zugenommen, sich zu Bette legen. Der Regimentsfeldherr schien gleich Zweifel zu sein, dass ein Ausschlag verborgen sei. Heute hat sich nun gezeigt, dass die Pocken wirklich zum Ausbruch kommen. Seine königliche Hoheit befindet sich sonst nach den Umständen so gut als möglich, ohne Kopfschmerzen und Beklemmungen auf der Brust, dahero die beste Art der Pocken zu sein schienen und sich auch bei der verwitweten Generallieutnantin von Kleist sehr gut logiert...“

Auf Heinrichs Wunsch hin bitte Blumenthal den König, den Leibarzt des Königs Dr. Cothenius aus Berlin hinzuziehen zu dürfen.

 

Die Eilstafetten waren erstaunlich schnell. Schon am Abend des nächsten Tages kommt Dr. Cothenius in Protzen an. Er übernimmt die ärztliche Behandlung und schreibt von da ab täglich ein ärztliches Bulletin, das jeweils sofort per Stafette zum König geschickt wird. Am 19. Mai trifft dann Friedrich Wilhelm in Protzen ein. Er ist besorgt um seinen Bruder, aber dem geht es anscheinend ganz gut. Nach dem ärztlichen Bulletin hat sich das Fieber vermindert und der Tag wurde glücklich zurückgelegt. Also reist Friedrich Wilhelm beruhigt wieder ab. Am 23. Mai schreibt der Leibarzt an den König: „Die gegenwärtige Situation ist so gut, als man es bei Pocken diese Art erwarten kann.“ Und dann verschlechterte sich der Zustand des Prinzen dramatisch. Am 26. Mai stirbt er. Friedrich der II., der inzwischen in Berlin angekommen ist,  wird sofort verständigt. Der König ist so betroffen, dass er nicht mehr weiterfährt. Seinen Begleitern sagt er: „ Sie haben den Schmerz auf der Zunge, ich aber im Herzen.“ Er ordnet die Einbalsamierung des Leichnams und ein Staatsbegräbnis nach der Art an, wie des Prinzen Vater, August Wilhelm, begraben wurde, außerdem für 3 Monate öffentliche Trauer, während der keinerlei öffentliche Musik oder Schauspiele veranstaltet werden durften, sowie das Trauergeläut in sämtlichen preußischen Kirchen jeweils mittags von 12 bis 1 Uhr.

In Protzen wurde inzwischen der Leichnam des Prinzen unter Aufsicht von Dr. Cothenius seziert und dann einbalsamiert; es war schon ein bisschen schwierig, denn die Tage waren warm und der Leichnam infolgedessen in Verwesung übergegangen. Heinrich wurde wieder vollständig bekleidet mit seiner Regimentsuniform, mit Stiefeln und Sporen, einem Collet mit dem Schwarzen-Adler-Ordensband, dem Hut in der linken Hand und dann in einem Sarg von Offizieren seines Regiments in die Kirche getragen. Dort blieb er, bis aus Neuruppin das Regiment seines Onkels Ferdinand in Protzen angekommen war. Am Abend des 7. Juni konnten dann die Protzener erleben, wie der Paradesarg aus Lindenholz feierlich von der Leibkompanie des Prinzen und eskortiert von 60 Mann des Ferdinandschen Regiments aus dem Ort getragen wurde, erst bis Flatow, dann über Reinickendorf nach Berlin. Dort wurde Heinrich am 11. Juni im Berliner Dom begraben.