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Erinnerungen an das Dürrejahr 1911

von Willy Janicke (1975)

(Dieser Bericht wurde von Frau Elke Wildt, Protzen, zur Verfügung gestellt.)

 

 

 

Der Sommer des Jahres 1975 mit seiner so lang anhaltenden Trockenheit, seinen fast tropenähnlichen Temperaturen und dem Moorbrand im Raum Gifhorn hat mich an das schier katastrophale Dürrejahr 1911 erinnert.

 

Dass 1911 als ein solches Dürrejahr auch hier in unseren neuen Wohnsitz bekannt gewesen ist, dürfte der aufmerksame Leser den hiesigen Tageszeitungen entnommen haben. Was aber jenes Jahr so fast katastrophal gemacht hat, das will ich aus meiner Sicht bald folgend schildern.

 

Wenn ich soeben "meine Sicht" betont habe, so möchte ich die Leser der "Ruppiner Mitteilung" erst mal mit meiner Person etwas bekanntmachen.

 

Als Bauernsohn 1898 in Protzen geboren, war ich 1911 also 13 Jahre alt, war Untertertianer des Friedrich - Wilhelms - Gymnasiums und wohnte in Neuruppin. Es gab zu dieser Zeit keine "Fahrschüler", wie Herr von Rohr sie und in der letzten Ausgabe der "Ruppiner Mitteilung" so amüsant vorgestellt hat. Wohl kamen im " Nahverkehr" Bechliner Schüler mit dem Rad, die "Scherz`sche Gutskutsche" beförderte ihre Kränzliner, und auch noch andere Schüler von der "Peripherie" Neuruppins sind ohne Eisenbahn so oder so gependelt. Aber das waren ja trotz ihres Fahrens keine Fahrschüler in jenem Sinne. Was die Allgemeinheit der Schüler und Schülerinnender weiterbildenden Schulen anbetraf, waren alle bei älteren alleinstehenden Damen oder auch bei Ehepaaren, die sich gern als "Vizemütter" oder "Vizeeltern" hergegeben haben , in "Pension" und haben somit in Neuruppin gewohnt.

 

Und nun blende ich erst mal zurück auf die Lebensverhältnisse in der damaligen Zeit.

 

Die Neuruppiner hatten 1911 schon längst ihrer Gasanstalt, Ihre Wasserleitung und gerade auch ihre Kanalisation und damit große Vorzüge gegenüber der Landbevölkerung, aber noch keine Versorgung mit elektrischem Strom. Auf dem Lande gab es alles das noch nicht. Kerzen, Petroleum, Spiritus und Karbid sorgten mit mehr oder weniger Helligkeit für die Beleuchtung von Wohnhäusern, Ställen, Sälen und Kirchen, und das war mit allerhand Unannehmlichkeiten verbunden.

Auf den Höfen, in den Ställen und auf den Koppeln (die eingezäunten Weideflächen ) standen Pumpen, die das Wasser aus einem unter oder neben ihnen liegenden "Kesselbrunnen" hergaben, aber nicht automatisch, sondern es musste gepumpt werden, und dabei konnte man sich mitunter damals schon ganz nett "trimmen".

 

Eine elektromotorische Kraft gab es weder in der Stadt noch auf dem Lande. In besonders gelagerten Fällen waren Dampf, Benzin, Wasser und Wind die Kraftspender, während sonst allgemein die Pferde als Hafermotore ihre echten PS hergeben mussten. Der "Strom" für alle, die ihn haben wollten, kam erst 1913, für die Kriegszeit ab 1914 gerade noch zur rechten Zeit. Wie sah es nun mit den Verkehrsstraßen aus? Mit schaudern muss ich heute an das einfache Feldsteinpflaster in den Dörfern und Städten, auch in Neuruppin, denken! Durch den Kreis führten "Chausseen" mit einem "Sommerweg" nebenher und Chausseegräben zu beiden Seiten. Am Rande vor diesen standen Chausseebäume, meist Apfelbäume. Die Chausseegräben waren weder durchgehend, noch wasserführend, sondern nur als muldenförmige Vertiefungen angelegt und durch Auffahrten zu den einzelnen Feldern unterbrochen. Sie waren mit Gras bewachsen und dienten als Auffangbecken für ein Zuviel an Wasser und somit der besseren Erhaltung der Straße.

 

Zum Idyll eines Dorfes an der Luchkante unseres Kreises haben zu jener Zeit nicht nur der Kirchturm und die Windmühle gehört, sondern auch die Störche nebst ihren Nestern, die allerdings jeden Winter über verwaist waren - aber gerade das passte ja auch wieder so schön in das eben winterliche Dorfidyll. Auf den seinerzeit noch zahlreichen mit Schilfrohr gedeckten Scheunendächern hatten die Störche diese großen, runden Nester aus Reisig usw. meisterhaft gebaut. Es gab Scheunen im Dorf, die sogar an beiden Enden ihres Dachfirstes ein Storchennest trugen. Nach einem geistigen Rundgang durch Protzen schätze ich, das wir 1911 noch 15 Nester mit auch 15 Storchenpaaren gehabt haben müssen. Wenn die Störche mit den ersten Frühlingsboten die alten Quartiere wieder bezogen und mit viel Geklapper - sie waren ja Klapperstörche - auf ihre neue Ankunft aufmerksam machten, war das jährlich ein gar freudiges Ereignis für das ganze Dorf. "Unser" Klapperstorch war nicht nur ein so großer und stolzer Vogel in seinem "schwarz-weiß-roten" Kleid, sondern er bewährte sich nach der Brutzeit auch mit viel Familiensinn. Und bei den dann oft aufkommenden Gewittern gab er dort oben einerseits mit seinen Farben einen wunderschönen Kontrast gegen den dunkelblau verfärbten Himmel, andererseits hat er bei Donner und Blitz stets eine vorbildliche geduldige Ruhe bewahrt und diese auf uns Menschen übertragen.

 

Soweit zur Ein- bzw. Rückführung in das Milieu von 1911! Nun zu meinem Hauptthema, der Dürrezeit dieses Jahres. Ich schicke voraus, dass ich bei meinem damaligen Alter natürlich nicht den ganzen Kreis, ja nicht einmal ganz protzen habe übersehen können, da ich doch überhaupt nur über die kurzen Wochenenden und in den Ferien zu Hause war. was ich dabei aber selbst gesehen, im Elternhaus gehört und ansonsten miterlebt habe, das hat mich derart tief beeindruckt, dass ich es heut noch weiß und allen Lesern unserer "Ruppiner Mitteilungen" auch gern erzählen möchte.    

 

Der Mai 1911 hatte mit den Eisheiligen und mit seinem weiteren Verlauf bisher nicht bekannte und nachdem nicht wieder auftretende tiefe Frosttemperaturen gebracht und hatte damit die Einleitung gegeben zu einer Notzeit, die bis an den Rand einer landwirtschaftlichen Katastrophe führen sollte. In den Wiesen waren die Grasspitzen erfroren, das Wachstum somit beendet, und die Heuernte(erster Schnitt)war daher ganz minimal. Dem eisigen Mai folgte eine große Trockenheit, die sich in Monaten ohne einen Regentropfen und sehr bald auch ohne jeglichen Tau zu einer Dürre ohnegleichen steigerte und bis Anfang Oktober anhielt. Ob dabei die Höhe der Hitzegrade von 1975 erreicht worden ist, weiß ich allerdings nicht mehr, ich möchte es eher verneinen als bejahen-

 

Diese totale Trockenheit hatte – wie die des letzten Sommers in Niedersachsen – auch einen Moorbrand ermöglichen helfen in dem benachbarten Mankerschen Luch. Auch damals hatte eine achtlos weggeworfener Zigaretten- oder Zigarrenstummel die trockene und verdorrte Grasnarbe angezündet. Für das losflackernde Feuer war es beim vorgewärmten Boden nun ein leichtes Spiel, über die schon brennbare „Klotzerde“ (sie liegt oberhalb des Torfes dicht unter die Wiesenoberfläche) in die eigentliche Torfschicht einzudringen und unterirdisch immer weiter den Torf zu fressen.

 

Dass bei dieser konstanten Dürre hier und da auch die Kesselbrunnen versiegten, bedarf wohl keines Kommentars. Daher musste man diese Brunnen tiefer bohren, um an das Grundwasser heranzukommen. In meiner Pension in der Kreisstadt habe ich in dieser Hinsicht keine Sorgen kennengelernt- Neuruppin hatte nicht nur seine Wasserleitung, sondern 1911 auch sein Leitungswasseraus dem für soviele schönen Ruppiner See. Ganz anders in den Dörfern. Und was wurde doch gerade auf dem Landedamals schon – ohne Autowäsche und Rasenpflege – an Wasser verbraucht und daher so dringend benötigt! Das gesamte Vieh (auch wir Menschen wissen ja wohl, dass „Durst schlimmer als Heimwehr“ ist) lechzte doch nach Wasser immer, und bei dieser schier ewigen Hitze und Trockenheit erst recht! Ich darf an den sprichwörtlich gewordenen „Kuhschluck“ und den Ausdruck „einen Pferdeeimer voll“ erinnern. Aber auch der übrige Landhaushalt in seiner Vielfältigkeit und bei seinen Ausmaßen benötigte Wasser über Wasser!

Nebenbei hatte die stete Trockenheit das Leben und die Vermehrung von tierischen Schädlingen, in deren „Wochenstuben“ ja kein bisschen Nass hineinkam, derartig begünstigt, dass man mit Fug und Recht von einer Landplage sprechen konnte. In den Sommerferien (sie dauerten nur einen Monat!) habe ich z. B. gemeinsam mit meinem Bruder 69 Hamster in Fallen gefangen. Unsere Ferien begannen1911 am 2. Juli, und die Roggenernte hatte so früh schon gerade angefangen. Von den auf den Feldern angerichteten Schäden kann ich leider keine konkreten Angaben machen, jedenfalls aber waren sie erheblich, bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Doch über die unendliche Vielzahl von Mäusen zu hören und diese sich mal vor das geistige Auge treten zu lassen, mag interessant sein.

 

Der Chausseeabschnitt Protzen – „Walchower Grund“ lag unter meiner besonderen Kontrolle, zumal unser Wohnhaus mit Vorgarten direkt an der Chaussee stand. Die Chausseegräben waren von den Mäusen buchstäblich durchlöchert wie ein Schaumlöffel oder Durchschlag aus der Küche. Und die Mäuse selbst flitzten über die Straße hin  und her von hüben nach drüben, ob nun besuchsweise oder schon aus Nahrungssorgen oder nur wegen der seinerzeit doch fast totalen Verkehrsstille an den Sonntagabenden- ich weiß es nicht. Eine Tatsache ist es jedenfalls, dass ich an verschiedenen Sonntagen, wenn ich abends zur Pension zurückgeradelt bin, über die lebenden Mäuseleiber hinweggefahren bin wie in anderen Jahren oft über die vielen kleinen Äpfel von den Chausseebäumen.

 

Unsere Protzener Bauernfeldern lagen Handtuchartig vom Dorf bzw. von der Chaussee nordwärts bis zur Grenze der Gemarkung Stöffin. Die meisten Roggenschläge befanden sich in diesem Jahr gleich hinter dem Dorf und der Straße. Der Roggen war noch mit der Sense gemäht und  ganz korrekt in Reihen von Mandeln aufgestellt, die wie Zelte aussahen, jede Mandel mit 16 Garben. Als es nun mit dem Einfahren der Roggenernte losging, gab es interessante Beobachtungen zu machen. Ich selbst hatte die beste Gelegenheit dazu, weil ich beim Wegladen der Mandeln als „Nachharker“ fungierte. Hinter jedem Erntewagen der einzelnen Bauern spazierte ein Storch, um für sich und seine Familie Nahrung zu holen. Wenngleich er sonst viel lieber sich die Frösche hatte gutschmecken lassen, musste er diesmal mit Mäusen vorlieb nehmen; denn ohne Feuchtigkeit im Luch und ohne Wasser in den Gräben gab es auch keine Frösche mehr. Darum stellte der Storch sich eben auf den Feldern ein und passte hier nun auf, bis der „Zustecher“ die letzten Graben einer Mandel wegstakte. Unter diesen hatten die Mäuse nämlich jeweils in ihren Ängsten eine letzte Zuflucht gesucht. Wie flink und emsig war jetzt unser lieber „Adebar“ dabei, sich mit einer Maus nach der andren seinen Kropf vollzustopfen, dann eilig zu dem Nest hochzufliegen und der Familie aus seine Art dies „Mahlzeit zu servieren“! Schnellstens kam er wieder, wegen der Masse oft nur im „Gleitflug“, um so die ganze Storchenfamilie weiter mit Verpflegung zu versorgen. Bei normalen Verhältnissen waren unsere Klapperstörche Stammgäste auf unseren ausgetorften Weide- und Wiesenflächen; denn diese waren mit ihrem Feuchtigkeitsgehalt die besten Froschlieferanten und obendrein zu den Storchnestern am nächsten gelegen. Diese Flächen wurden allgemein als „Untergründ“ bezeichnet, während die mit Torf verbleiebenen Flächen Obergrundweiden und Obergrundwiesen genannt wurden. Und dieses Vorhandensein von „Unter- und Oberland“ hängt zusammen mit dem Torfgeschäft, welches unsere Vorfahren mit den „Lords of Torf“, den Gentzes, abgeschlossen hatten ( vgl. „R.M.“ Folge 3-4, Sept. 1968).

Unsere Obergrundwiesen waren den Störchen zu fern gelegen und hatten ihnen vor allem auch keine Frösche anzubieten. Aber diese Flächen waren 1911 das wahre Eldorado für Mäuse. Sie vermehrten sich auch hier enorm, tummelten sich herum, und fraßen alles kahl- radikal! So boten auch diese Areale den Anblick eines riesigen groben Siebes mit kleinen, rundlichen Rillen zwischen den einzelnen Mauselöchern und dem ständigen Gelaufe hin und her. Die ganze Grasnarbe war dabei also verschwunden, die Nachmahd (der 2. Grasschnitt) natürlich ausgefallen und die Landwirte rangen verzweifelt die Hände über den Köpfen. Es war die große Sorge um Ihr Vieh! Sie Fragten sich, woher denn im nächsten Jahr das Heu kommen sollte, wenn es schon in diesem Jahr nicht ausgereicht hatte, keine Reserve verblieb und ihre Wiesen keine Wiesen mehr waren, sondern vor ihnen lagen wie anthrazitfarbene Felder mit Löcher und Rillen gemustert!

 

In dieser sorgenschweren Situation hatte nun unser damaliger Pastor Jaene die Gemeinde zu einem Bittgottesdienst eingeladen. Wenn es auch nicht sobald hernach geregnet hat, so ist doch die große Hilfe als der Segen von oben nicht ausgeblieben. Die Wendung der Witterung trat wohl im Oktober bald ein; aber das Entscheidende für die Beseitigung der Mäuse- und Hamsterschäden auf den Feldern und für die Wiederherstellung des eigentlichen Zustandes der Chausseegräben und Wiesen war doch der folgende Winter. Dieser brachte nämlich Schnee in jeder Menge, und die große Schneeschmelze wurde hernach durch viel Regen forciert. Aller Mäusevermassung war dadurch ein Ende bereitet, und alle im Boden schlummernden Grassamen wurden durch diese neue feuchte Tiefenwirkung mobilisiert. Ein witterungsmäßig sehr günstiges Frühjahr folgte, die Wiesen wurden wieder grün, und die alten guten Gräser wuchsen hoch und höher. Gras und Heu gab es- wider alles erwarten also – 1912 in Hülle und Fülle. Das Leben für Mensch und Tier normalisierte sich vollends, der Storch kriegte seine Frösche wieder, und auch der Moorbrand in Manker erlosch.

 

 

Willy Janicke